Die Kubakrise 1962
Vor gut 60 Jahren, im Oktober 1962, entwickelte sich aufgrund der Stationierung von Mittelstreckenraketen in Kuba ein sicherheitspolitisches Vakuum zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion, das die Welt knapp an den Rand eines Kriegs mit Kernwaffen führte. Das Dossier der Bibliothek am Guisanplatz beleuchtet die Stufen dieser Eskalation.

Der Auslöser
Die Fotografien eines amerikanischen Aufklärungsflugzeugs Lockheed U-2 bei einem Überflug über die Westküste Kubas am 15.10.1962 lösten in Washington grosse Aufregung aus. Auf den Bildern waren Abschussbereite S-75-Flugabwehrraketen und Startrampen für sowjetische Mittelstreckenraketen des Typs «R-12» erkennbar, welche mit einem nuklearen Sprengkopf ausgerüstet werden konnten. Die Bedrohung durch einsetzbare Kernwaffen rückte plötzlich extrem nah.
Die Stationierung von Startrampen in Kuba war eine Antwort der UdSSR auf die 1959 erfolgte Aufstellung amerikanischer Mittelstreckenraketen des Typs «Jupiter» in Izmir in der Türkei und in Gioia del Colle bei Bari in Italien mit einer Reichweite von 2’400 Kilometern. Die Aktion der UdSSR war Teil der geheimen «Operation Anadyr», mit welcher die Sowjetunion ab 1961 die kubanischen Streitkräfte mit Waffen und Material belieferte, um gegen eine direkte militärische Intervention der USA gewappnet zu sein.
Ein Krisenstab wird gegründet
John F. Kennedy (1917-1963), 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, gründete direkt nach Bekanntwerden der Ereignisse in Kuba und unter grossem Zeitdruck, am 16.10.1962, einen informellen, geheimen Krisenstab bestehend aus dem Nationalen Sicherheitsrat und weiteren politischen und militärischen Akteuren (Executive Committee «ExComm»). Robert McNamara (1916-2009), damaliger US-Verteidigungsminister, schlug eine Seeblockade vor.
Am 22.10.1962 abends informierte Kennedy die Öffentlichkeit in seiner Ansprache via Fernsehen über die Vorkommnisse und ordnete eine Seeblockade gegen Kuba an mit der Aufforderung an die Adresse der UdSSR, die stationierten Raketen auf der Insel abzuziehen. Weltweit wurden US-Streitkräfte in erhöhte Einsatzbereitschaft versetzt. Zwei Tage später trat die Blockade in Kraft.
Tickendes Zeitspiel
Es folgten sechs weitere nervenzerreissende Tage, in denen auf höchster Ebene unterschiedliche Szenarien in Erwägung gezogen wurden, um die Gefahr eines Atomschlags abzuwenden.
In mehreren geheimen Schreiben zwischen Nikita Chruschtschow (1894-1971), erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, und Präsident Kennedy, einigten sich die beiden Politiker letztendlich über einen Abbau der sowjetischen Raketen auf Kuba unter der Aufsicht der UNO. Kennedy versprach, die Seeblockade aufzulösen und Kuba nicht anzugreifen, wenn die Mittelstreckenraketen von der Insel abgezogen werden.
Bevor eine solche Lösung in dieser Krise zustande kam, entstand nochmals eine heisse Phase. Am 27.10.1962 wurde der amerikanische Pilot und Offizier, Rudolf Anderson Jr. (1927-1962), bei einem Aufklärungsflug mit einer Lockheed U-2 über Kuba ohne Befugnis von Moskau mit zwei SA-2-Raketen abgeschossen und starb. Der Vorfall führte glücklicherweise nicht zu einer Vergeltung mit Atomwaffen.
Ein Einlenken von Chruschtschow und Kennedy ermöglichte anschliessend die Beendigung der Krise. Die Sowjetunion verpflichtete sich für einen vollständigen Rückzug der Raketen in Kuba und Kennedy sicherte Chruschtschow zu, die stationierten «Jupiter»-Raketen in der Türkei abzuziehen.
Die Einrichtung des «heissen Drahts»
Nach dem Ende der Krise entschieden sich die USA und die Sowjetunion für die Einrichtung einer direkten Fernschreibeverbindung zwischen dem Weissen Haus und dem Kreml. Am 20.06.1963 unterzeichneten die beiden Staaten in Genf das Abkommen über die Einrichtung einer direkten Fernschreibeverbindung. Es war dies das erste bilaterale Abkommen zwischen den beiden Staaten, in dem die Gefahren moderner Kernwaffensysteme anerkannt wurden und das diese Gefahr unter eine Kontrolle stellte.
Literaturempfehlung der BiG:
Weiterführende Links:
- Kubakrise 1962 (admin.ch)
- Die Schweiz und die Kubakrise | Dodis
- Kuba-Krise: Als die Welt vor einem Atomkrieg stand - [GEO]
- Kubakrise 1962: Die Welt am atomaren Abgrund - WELT
- Tagesschau - Kubakrise vor 50 Jahren - Play SRF
- Il y a 60 ans, la crise des missiles de Cuba faisait craindre la guerre nucléaire - rts.ch - Monde
