Zum Hauptinhalt springen

MitteilungVeröffentlicht am 27. August 2026

100 Jahre Dolmetschen

Hundert Jahre nach den ersten Versuchen in Genf ist das Simultandolmetschen weiterhin fester Bestandteil des internationalen Dialogs und der Mehrsprachigkeit in der Schweiz.

Das Bild zeigt das Gesicht von Bundesrat Adolf Ogi mit Kopfhörern und einem Mikrofon, während er vor Publikum spricht.

Beim Simultandolmetschen wird der Gesprächsbeitrag einer Person gleichzeitig in einer anderen Sprache wiedergegeben. Normalerweise wird in einer Kabine gedolmetscht, aber es kann auch mit einer tragbaren Ausrüstung gearbeitet oder eine Flüsterverdolmetschung vorgenommen werden. Orientiert man sich an der Internationalen Arbeitskonferenz der IAO von 1926 in Genf, feiert das Simultandolmetschen 2026 seinen hundertsten Geburtstag. Es ist aus internationalen Konferenzen und der politischen Landschaft der Schweiz nicht mehr wegzudenken.

Sprachenrevolution

Der Ursprung des Simultandolmetschens bleibt umstritten, steht aber im Zusammenhang mit dem Aufschwung des internationalen Austauschs im 20. Jahrhundert. Bis Mitte der 1920er-Jahre nutzten die internationalen Organisationen hauptsächlich Konsekutivdolmetschen, wobei die Person, die spricht, regelmässig Pausen für die Verdolmetschung einlegen muss.

Zur Effizienzsteigerung entwickelten der amerikanische Geschäftsmann Edward A. Filene und der Ingenieur Alan Gordon-Finlay ein System zur Verdolmetschung der in eine Kabine übertragenen Stimme, das Hushaphone Filene-Finlay, das sie an der Internationalen Arbeitskonferenz 1926 in Genf testeten.

Gemäss manchen Historikerinnen und Historikern sind die Genfer Versuche von 1926 bis 1928 die Geburtsstunde des Simultandolmetschens, für andere hingegen sind dies der 6. Kongress der Komintern in Moskau 1928 oder die Nürnberger Prozesse ab 1945. Auch wenn das Datum unklar ist: Fest steht, dass diese Innovation die internationale Kommunikation stark verändert hat.

Die Schweiz als Labor für die Mehrsprachigkeit

In der Schweiz setzte sich das Simultandolmetschen wegen der Mehrsprachigkeit rasch durch. Die Dolmetscherschule Genf, heute Fakultät für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Genf, wurde 1941 gegründet und trug zur Professionalisierung des rasch an Bedeutung gewinnenden Berufs bei. Ihr Gründer Antoine Velleman (1875−1962) war Dolmetscher beim Völkerbund und wurde in der Schweiz zum Ehrenbürger ernannt.

1946 genehmigte der Nationalrat auf Initiative des Neuenburger Abgeordneten René Robert die Einführung des Simultandolmetschens bei seinen Debatten. Versuche in Genf waren entgegen dem Vorbehalt des Bundesrats sehr erfolgreich verlaufen. Eineinhalb Jahre später wurde die Neuerung definitiv angenommen. Die Verankerung im Geschäftsreglement machte das Simultandolmetschen zu einem Pfeiler der Mehrsprachigkeit des Schweizer Parlaments.

Das Fotoarchiv Walter Rutishauser, das sich in der Bibliothek am Guisanplatz befindet, gibt Einblick in das politische Geschehen zwischen 1960 und 2000. Die Aufnahmen zeigen insbesondere den Austausch und die Debatten, die für die Mehrsprachigkeit der Institutionen des Bundes stehen.

Fortwirkende Innovation

Auch 100 Jahre nach den ersten Versuchen ist das Simultandolmetschen noch eine professionelle Technik, die sehr gute Sprachkenntnisse, hohe Konzentration und eine ausserordentliche Anpassungsfähigkeit erfordert.

Am Europäischen Tag der Sprachen vom 26. September erinnert die Geschichte des Simultandolmetschens an die Wichtigkeit des Dialogs zwischen den Sprachen. Von internationalen Konferenzen bis hin zu parlamentarischen Beratungen: Simultandolmetschen spielt in einer immer stärker vernetzten Welt eine wichtige Rolle im Dienst der Mehrsprachigkeit und der Demokratie und bleibt ein wesentliches Tool für das gegenseitige Verständnis.

Literaturempfehlung der BiG

Weiterführende Links

Kontakt BiG

Bibliothek am Guisanplatz BiG
Papiermühlestrasse 21a
CH - 3003 Bern