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Schatzkiste Spezialsammlungen – Pädagogische Rekrutenprüfungen

Um Rekruten in die passenden Waffengattungen einteilen zu können, wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts pädagogische Rekrutenprüfungen durchgeführt. Ende des 19. Jahrhunderts versuchte der Bund, damit die kantonalen Schulpolitiken zu evaluieren. Die Bibliothek am Guisanplatz BiG stellt Ihnen annähernd 10'000 ausgefüllte Prüfungsbogen der Jahre 1881 bis 1914 online zur Verfügung.

30.08.2021 | Bibliothek am Guisanplatz, Christine Rohr

Abgebildet sind die Namens- und Wohnangaben auf dem Prüfungsblatt von Carl Rufer. Ebenfalls sind seine schlechten Prüfungsergebnisse mit Noten zwischen 4 und 5 ersichtlich. Bei den pädagogischen Rekrutenprüfung war eine 5 die schlechteste Note. (Rekrutenprüfungen BiG, Band 1882A, S. 107)
Schlechte Prüfungsergebnisse von Carl Rufer im Jahr 1883. Bei den pädagogischen Rekrutenprüfung war eine 5 die schlechteste Note. (Rekrutenprüfungen BiG, Band 1882A, S. 107)

Seit etwa 1832 prüften zahlreiche Kantone junge Männer bei der militärischen Aushebung auf ihr Schulwissen, denn nicht bei allen Waffengattungen wurden die gleichen Fähigkeiten vorausgesetzt. Die Prüfungen förderten bei vielen angehenden Rekruten grosse Wissenslücken im Lesen, Schreiben und Rechnen zutage

Mit der Totalrevision der Bundesverfassung von 1874 wurden die politischen Rechte der Bürgerinnen und Bürger erweitert. Dies erforderte ein gewisses Mass an Bildung, weshalb im Schulartikel festgelegt wurde, dass die Kantone für einen genügenden Primarschulunterricht zu sorgen hatten. Die Volksschule lag damit weiterhin in kantonalen Händen, eine Inspektion durch eidgenössische Schulinspektoren war jedoch undenkbar. Die pädagogischen Rekrutenprüfungen boten eine Möglichkeit, das Wissen eines Grossteils der jungen Schweizer Männer und damit die kantonalen Schulpolitiken zu prüfen. Diese bisher kantonalen Prüfungen wurden ab 1875 auf eidgenössischer Ebene organisiert. Die BiG hat ihren Bestand von 49 Bänden aus dem Zeitraum von 1881 bis 1914 digitalisiert. Pädagogische und sozialhistorische Fragestellungen lassen sich anhand der handschriftlichen Prüfungsantworten der angehenden Rekruten erforschen.

Kantonswettbewerb und Schulreformen

Die angehenden Rekruten wurden im Lesen und schriftlichen Rechnen geprüft, sie mussten einen Aufsatz, später einen Brief verfassen und ihre Kenntnisse in «Vaterlandskunde» (Geographie, Geschichte, später auch Verfassungskunde) unter Beweis stellen. Auf Bundesebene wurde also festgelegt, welches Wissen in den pädagogischen Rekrutenprüfungen abgefragt wurde.

Das «Statistische Bureau» veröffentlichte die jährlichen Resultate der pädagogischen Rekrutenprüfungen. Vor allem die Rangliste nach Kantonen wurden in der Presse und der Öffentlichkeit breit diskutiert. Zwar wiesen diese statistischen Auswertungen Mängel auf und liessen kantonale Unterschiede ausser Acht, aber wer wollte schon als Schlusslicht der Schweizer Schullandschaft dastehen?

Lehrer und Bildungspolitiker konnten vielerorts die Resultate der Rekrutenprüfungen nutzen, um ihre Anliegen wie die Anschaffung neuer Lehrmittel, verbesserte Lehrerausbildung und -besoldung, Verlängerung der Schulpflicht oder Verkleinerung der Klassengrösse durchzusetzen. Auch individuelle Ursachen für schlechte Noten wie ein langer Schulweg, unzureichende Ernährung oder Kinderarbeit wurden allmählich thematisiert.

Prüfungsnoten im Dienstbüchlein

Der direkte Vergleich der Prüfungsresultate spornte die Kantone an, ihre Schulsysteme zu verbessern. Fraglich bleibt, ob die Rekrutenprüfungen als Instrument des Bundes zur Zentralisierung des Schulwesens eingestuft werden kann. Nicht zuletzt mit Blick auf die Kantonsrangierung schufen die Kantone zur Auffrischung des Primarschulwissens obligatorische Fortbildungsschulen (Rekrutenvorbereitungsschulen). In Stoffsammlungen und Leitfäden wurde der Prüfstoff zusammengefasst, so zum Beispiel von Eduard Kälin (1907 & 1910).

Dass die Prüfungsnoten im Dienstbüchlein eingetragen wurden, war vielen jungen Männern sicher auch Ansporn zum Lernen. Das Dienstbüchlein diente damals bei Stellenbewerbungen teilweise als offizielles Dokument, da konnten sich schlechte Noten durchaus nachteilig auswirken.

Zunehmende Kritik

Die zuständigen Behörden versuchten mehrfach, die Prüfungen und Auswertungen zu verbessern. Jedoch kritisierten die eidgenössischen Räte, militärische Kreise und Pädagogen nach der Jahrhundertwende die Prüfungen zunehmend. Vor allem wurde bemängelt, dass in den Fortbildungsschulen hauptsächlich der Prüfungsstoff eingedrillt werde, die Prüfungen somit keine Rückschlüsse mehr auf die kantonalen Primarschulen zulassen würden. Simon Gfeller, Berner Lehrer, äusserte sich im Berner Schulblatt 1907 wie folgt:

«[…] Die heiligste Pflicht eines bernischen Lehrers ist nicht mehr, Herz und Gemüt, Charakter und Willen seiner Zöglinge zu bilden; seine heiligste Pflicht ist, dafür sorgen zu helfen, dass sein Heimatkanton bei der Rekrutenprüfung einen ehrenvollen Rang einnimmt […]»

Weiterentwicklung

Mit der Kriegsmobilmachung 1914 musste das Aushebungsverfahren beschleunigt, die pädagogischen sowie turnerischen Prüfungen weggelassen werden. In stark veränderter Form wurden pädagogische Rekrutenprüfungen 1941 wiedereingeführt, allerdings weniger als Wissensprüfung, sondern mit einem Gruppengespräch zu staatskundlichen Themen als Herzstück.

Am Anfang der 1970er Jahre entwickelten sich die pädagogischen Rekrutenprüfungen zum Instrument der empirischen Sozialforschung. Die jungen Männer beantworteten Fragen zum Kommunikationsverhalten, zu Sport und Freizeit oder zur regionalen Lebensqualität und dienten Hochschulinstituten somit als repräsentative Gruppe der männlichen Jugend. Bis 1994 entstanden daraus zahlreiche wissenschaftliche Publikationen.

Quellen

 


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