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Die Geschichte der Turnprüfung in der Schweizer Armee

Schneller, höher, stärker, weiter: Die Bibliothek am Guisanplatz BiG zeichnet in ihrem Dossier nach, wie sich die jungen Männer im 20. Jahrhundert für die Armee sportlich qualifizierten. Dabei zeigt sich, wie staatliche Fitnessförderung in der Schweiz anno dazumal aussah und welche Auswirkungen dies auf die Bevölkerung hatte.

04.08.2022 | Bibliothek am Guisanplatz, Manuel Bigler

Das Bild aus dem Jahr 1972 zeigt acht Kinder, die auf der Querstange sitzen, welche als Teil des Gestänges die acht fünf Meter hohen Kletterstangen der Schulanlage Tössfeld fixiert. Weitere Kinder tummeln sich darunter oder turnen an zwei Reckstangen daneben.
Herausforderung für gross und klein: Kletterstange beim Schulhaus Tössfeld (1972), ©Winterthurer Bibliotheken, Sammlung Winterthur

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts stand dem Aushebungsoffizier für eine geeignete Einteilung die sogenannte pädagogische Rekrutenprüfung zur Verfügung, welche über die Schulbildung des Probanden Auskunft gab. Noch fehlten allerdings Informationen zur physischen Leistungsfähigkeit der künftigen Rekruten. Ob ein junger Mann für den Militärdienst tauglich war oder nicht, hing zu Beginn des 20. Jahrhunderts schliesslich vor allem von dessen körperlicher Gesundheit ab, welche bei der Rekrutierung medizinisch erhoben wurde.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drängte das Militärdepartement auf die Förderung des Turnunterrichts in den Schulen, um die physische Leistungsfähigkeit der späteren Rekruten zu steigern. Deswegen sicherte der Bund in der Militärorganisation von 1874 die Finanzierung eines obligatorischen Knabenschulturnens zu. Die Kantone als Verantwortliche des Schulwesens blieben jedoch weitgehend untätig.

Sportliche junge Männer für die Armee: Der Bund übersteuert die Kantone

1904 nahm der Bundesrat wohl als Folge dieser kantonalen Passivität einen Vorschlag der eidgenössischen Turnkommission von 1875 auf und führte provisorisch für einen Teil der Ausgehobenen eine Turnprüfung ein. Der Versuch wurde in den folgenden Jahren auf alle Teilnehmer der Rekrutierung ausgeweitet und bei der definitiven Einführung 1908 um eine Notenskala von 1 bis 5 ergänzt. Damit wurden die Leistungen bewertet, wobei die Note 1 das beste Ergebnis darstellte. Als weitere Fördermassnahme erliess der Bund die Verordnung über den freiwilligen Militärunterricht von 1909, mit der er die private Vorbereitung auf die Aushebung beziehungsweise Dienstpflicht förderte.

Die Wichtigkeit des Anliegens zur Verbesserung der Fitness der Dienstleistenden zeigte sich daran, dass der Bund die Turnresultate minutiös durch das eidgenössische statistische Bureau (des heutigen Bundeamtes für Statistik BFS) auswerten liess. Teil dieser Evaluation war bezeichnenderweise ein Vergleich der Kantone. Für den einzelnen Rekruten stellte die Turnprüfung ein Wettkampf mit Gleichaltrigen dar. Als zusätzlichen Anreiz für eine gute Leistung hatten die Noten einen Einfluss auf die Truppenzuteilung.

Schnelligkeit, Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer

Die erste Turnprüfung umfasste die drei Disziplinen Sprint (80 Meter), Weitsprung (mit Anlauf) sowie Hantelheben (17 Kilogramm). Nach einem kriegsbedingten Unterbruch wurden die Tests ab 1930 erneut flächendeckend durchgeführt – ergänzt durch Kugelstossen (5 Kilogramm).

1943 verordnete das Eidgenössischen Militärdepartment, dass statt Hantelheben und Kugelstossen neu Werfen (500-Gramm-Wurfkörper) und 5-Meter-Klettern (an einer Stange oder einem Tau) auf dem Programm stehen. Damit der Bund überall in der Schweiz Rekruten ausheben konnte, wurden in der Folge flächendeckend Kletterstangen gebaut, wie sie noch immer vielerorts auf Schularealen (in Turnhallen oder auf Pausenplätzen) zu finden sind.

Vorerst befristet hatte auch die Ausdauer ihren Platz in der Turnprüfung, indem zwischen 1943 und 1947 als fünfte Disziplin ein Dauerlauf (3 Kilometer) stattfand. Alternativ zu diesem konnten die jungen Männer vordienstlich einen Marsch (25 Kilometer) oder einen Skilanglauf (20 Kilometer) bestreiten.

Neue Bewertung für das Sportabzeichen

Trotz einiger Überarbeitungen der Verordnung blieb das Programm der vier Disziplinen (Sprint, Weitsprung, Weitwurf und Klettern) über fast drei Jahrzehnte identisch. Erst die Fassung von 1973 brachte mehrere Änderungen. Neu erfolgte die Bewertung anhand einer 100er-Skala. Die Ausgehobenen erhielten ein Sportabzeichen, wenn sie mehr als 325 Punkte erzielten. Ergänzt wurde die Prüfung um den 12-Minuten-Lauf. Mit durchschnittlich 65 Punkten über die fünf Disziplinen verteilt verdiente sich der Ausgehobene die erwähnte Auszeichnung.

Zu jeder Disziplin wurde neu eine Indoorvariante festgelegt, welche bei schlechtem Wetter zum Zug kam: Stangenklettern, Standweitsprung, Medizinballwurf (3 Kilogramm), Pendellauf 4 x 10 Meter (für den Sprint), 5-Minuten-Steptest (Ausdauer). Die Änderung des Jahres 1989 definierte erstmals auch die Kriterien für künftige weibliche Angehörigen der Armee.

Die Entwicklungen bis in die Gegenwart

Ab dem Jahr 2001 absolvierten die Ausgehobenen den Turntest stets in der Turnhalle, eine Aussenvariante sah das VBS nicht mehr vor. Im Zuge der Einführung der Armee XXI zentralisierte das Department 2002 die Rekrutierung neu in sieben Zentren (Lausanne VD, Sumiswald BE, Steinen/Nottwil LU, Losone TI, Windisch AG, Rüti ZH und Mels SG). Das Bundesamt für Sport (BASPO) erarbeitete in diesem Zusammenhang im Auftrag des Departements eine neue Turnprüfung mit fünf Disziplinen, welche 2007 eingeführt und seither als Fitnesstest der Armee (FTA) in Gebrauch ist: Standweitsprung, Medizinballstoss, Einbeinstand, Globaler Rumpfkrafttest, Ausdauertest (Progressiver Ausdauerlauf).

Bereits 2003 hatte das VBS das Stangenklettern als nicht mehr zeitgemäss eingeschätzt und ersatzlos aus der Turnprüfung gestrichen. Die Ausgehobenen hatten bei dieser Aufgabe in den vergangenen zwanzig Jahren immer schlechter abgeschnitten. Viele kamen deutlich zu langsam oder gar nicht mehr das Turngerät hoch. Auch in den Schulen verloren die Stangen immer mehr an Bedeutung: Im Lehrplan 21 wurde das Klettern gestrichen, die Aussenanlagen rosten vielerorts vor sich hin oder werden aus Sicherheitsgründen abgerissen.

Liste der Bestimmungen für den Turntest der Jahre 1905-2006 (chronologisch )


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