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Schweizer Soldaten in Osteuropa – bewachte Handelszüge, 1919/20

Sie wollen mehr erfahren über die sogenannten Warenzüge nach Osteuropa 1919/20? Blättern Sie online in unserem schwersten Buch und begleiten Sie bewaffnete Schweizer Soldaten auf Handelszügen nach Warschau und Bukarest.

26.10.2018 | Christine Rohr-Jörg

Schweizer Soldaten posieren vor einem Eisenbahnzug mit Ziel Warschau, Juni 1919.  (Aus «Erinnerungen an den Weltkrieg und seine Folgen, 1914-1922»)
«Warenzug» nach Warschau, Juni 1919

Die Handelswege nach Osteuropa waren nach dem Ersten Weltkrieg unsicher, die politische Lage blieb instabil. Wie konnten Exporteure die bestehende Nachfrage nach Schweizer Produkten in Polen, Rumänien oder Serbien stillen? Die Lösung wurde in militärisch eskortierten Handelszügen gesucht. Diese Sammelzüge ermöglichten es Schweizer Handelsgesellschaften und grösseren Einzelfirmen, ihre Ware sicher nach Warschau, Bukarest oder Belgrad zu transportieren. Dank den Bemühungen der BiG im Bereich Restaurierung und Digitalisierung können Sie sich direkt in dieses weitgehend unbekannte Kapitel der Schweizer Geschichte vertiefen. 

 

Das schwerste Buch der BiG: «Erinnerungen an den Weltkrieg und seine Folgen, 1914-1922.» Das Linke Bild zeigt ein verformtes Buch mit Schadstellen, das rechte Bild zeigt den Zustand nach der Restaurierung.
Das schwerste Buch der BiG: «Erinnerungen an den Weltkrieg und seine Folgen, 1914-1922.» Zustand vor und nach der Restaurierung.

Die 40 bis 70 Wagons langen Züge wurden bewacht von 20 bis 50 bewaffneten Schweizer Soldaten und waren einen bis fünf Monate unterwegs. Den Soldaten war privates Handeln verboten, dafür erhielten sie eine beachtliche Soldzulage. Angaben über die Reise durften sie nicht ohne Genehmigung der Behörden veröffentlichen. Die Kaufleute fuhren ebenfalls mit, um am Zielort ihre Handelsware zu vertreiben. Ausgeführt wurden Produkte wie Kondensmilch, Schokolade, Maschinenbestandteile, Glas, Porzellanwaren, landwirtschaftliche Maschinen und Textilwaren. In den Jahren 1919 und 1920 verliessen über 25 solcher Warenzüge mit Waren von damals ungefähr 250 Millionen Franken die Schweiz in Richtung Osteuropa.

Aus dem Tagebuch von Werner Kläy: Schweizer Soldaten vor dem vierten Warenzug nach Bukarest, Juli/August 1919. Der Zug bestand aus 75 Wagen, wurde bewacht von 35 Soldaten und hatte gemäss Kläy Waren im Wert von damals rund 25 Millionen Franken geladen.
Aus dem Tagebuch von Werner Kläy: Schweizer Soldaten vor dem vierten Warenzug nach Bukarest, Juli/August 1919. Der Zug bestand aus 75 Wagen, wurde bewacht von 35 Soldaten und hatte gemäss Kläy Waren im Wert von damals rund 25 Millionen Franken geladen.

 

Die Bewachung der Züge war offenbar durchaus angebracht. So berichtet Werner Kläy, im Jahr 1919 unterwegs mit dem vierten Schweizer Handelszug nach Bukarest, von Angriffen durch Banden. In seinem Tagebuch beschreibt Kläy auch die kriegsversehrte Landschaft und die verarmte Bevölkerung und erzählt vom «Ausgang» in Bukarest und sogar vom Besuch am rumänischen Königshof. Die Reisen verliefen recht abenteuerlich. Als einmal die Kohle ausging, wurde vom nächsten entgegenkommenden Zug Kohle beschlagnahmt – unter Androhung von Waffengewalt. Als die bosnischen Eisenbahner den Vorfall der serbischen Regierung melden wollten, bat der Schweizer Kommandant sofort um Entschuldigung und erklärte gemäss Kläy: «[…] dass unsere Mannschaft nicht habe unterscheiden können zwischen schweiz. & kroat. slavonischen Verhältnissen. Es sei nämlich bei uns brauch, das Eisenbahnpersonal so zu behandeln, und stets 2 Mann mit geladenem Revolver auf die Maschine zu kommandieren; ansonst wir bei uns gar nicht fahren könnten. […] Einige Tafeln Chocolade sowie einige Cigaretten genügten um den Vorfall ungeschehen zu lassen.»

Dass solches «Schmiermaterial» eine Weiterfahrt oft erleichterte oder erst ermöglichte, wird in mehreren Berichten erwähnt. Nicht zuletzt deshalb wurden diese eskortierten Warenzüge verschiedentlich kritisiert, als Schieberzüge bezeichnet und den Soldaten Schmuggel und privater Handel vorgeworfen. Überhaupt wurde der volkswirtschaftliche Nutzen der Handelszüge für die Schweiz angezweifelt, da auf der Rückfahrt kaum Austauschware mitgeführt werden konnte.

Da sich die Verkehrssicherheit allmählich verbesserte, wurde die Militäreskorte der Handelszüge nach Polen ab Ende 1919, nach Serbien und Rumänien ab Oktober 1920 durch zivile Wachmannschaften abgelöst.

Viel Interessantes über diese Handelszüge nach Osteuropa bleibt hier noch unerwähnt. Lesen Sie weiter, es gibt noch einiges zu erforschen!

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