print preview

Zurück zur Übersicht Themendossiers


Neuerfindung der Schweiz? Die Expo.02 in der Retrospektive

Vor 20 Jahren präsentierte sich die Schweiz zum sechsten Mal anlässlich einer Landesausstellung. Die Bibliothek am Guisanplatz BiG zeichnet in ihrem Dossier nach, wie die Expo.02 trotz grosser Schwierigkeiten zustande kam, welche Erwartungen mit ihr verbunden waren und welche Wirkung sie entfaltete.

09.05.2022 | Bibliothek am Guisanplatz, Manuel Bigler

Die Fotografie zeigt einen im Winde schwebenden roten Ballon, welcher an einem Gestänge befestigt ist. Im Hintergrund ist das Stadttor Murtens zu sehen. Die Kunstinstallation soll an das Logo der Expo.02 erinnern, welches von einer roten Ellipse auf weissem Grund geprägt ist.
Kunstinstallation anlässlich der Expo.02 in Murten (©VBS/DDPS, Historische Mediathek des Zentrums digitale Medien der Armee /CC BY-NC-ND)

Als die Expo.02 als sechste offizielle Landesausstellung der Schweiz am 15. Juni 2002 ihre Tore öffnete, lag eine lange und wechselvolle Vorgeschichte hinter ihr: Turnusgemäss hatten die Landesausstellungen im zwanzigsten Jahrhundert alle 25 Jahre stattgefunden, diesmal betrug das Intervall deren 38. Zwei Vorgängerprojekte waren bloss in kleinem Umfang (Weg der Schweiz als Innerschweizer Idee 1991) oder gar nicht (Tessin 1998) in die Tat umgesetzt worden. Die Ausstellungen im Seeland schliesslich erwiesen sich als weit teurer, aufwändiger und inhaltlich umstritten, weswegen die Macherinnen und Macher diese statt 2001 erst 2002 realisieren konnten.

Von der Nabelschau zur Neuerfindung der Schweiz

Frühere Landesaustellungen hatten das Bild einer traditionellen und gleichzeitig modernen, prosperierenden Schweiz gemalt und dabei technische Innovationen sowie künstlerisches Schaffen gezeigt. Sie hatten daneben mit einer stark präsenten Armee die nationale Einheit und die militärische Abwehrbereitschaft beschworen.

Die Expo.02 brach teilweise mit diesen Traditionen, wollte eine heterogene und zukunftsorientierte Schweiz zeigen, sie gar neu erfinden – wie die Generaldirektorin Nelly Wenger im Schlussbericht vermerkte: «Der Sinn und Zweck der Expo.02 war unbestritten der nationale Aspekt des Projekts. Es ging um die Schweiz, nicht als Spiegel, sondern als Erfindung, Fiktion, Hypothese.»

Neue Perspektiven

Als Beispiele für diesen neuen Geist mögen die beiden Installationen der Schweizer Armee und der Nationalbank dienen. Unter dem Titel «Werft» inszenierte sich die Armee nicht bloss als Verteidigerin der Schweiz, sondern präsentierte auch ihre friedenssichernden Auslandseinsätze oder stellte die Frage nach ihrem Platz in Europa.

In «Geld und Wert» stellte Harald Szeemann den Wohlstand der Schweiz in Frage. Er überzog beispielsweise den Pavillon der Nationalbank hauchdünn mit echtem Gold oder errichtete einen Schredder, der Banknoten vernichtete.

Zur Verkleinerung des Röstigrabens

Nicht zuletzt ging es den Macherinnen und Machern der Expo.02 um eine Annäherung über die Sprachgrenzen hinweg. Bei der Abstimmung über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) hatte sich die Romandie nämlich 1992 mit etwa 70 Prozent Wähleranteil klar für einen Beitritt der Schweiz ausgesprochen, die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Deutschschweiz sowie des Tessins hatten ihre Landsleute aus der französischsprachigen Schweiz allerdings überstimmt.

Da die Sprachgrenze zwischen der Deutschschweiz und der Romandie mehrheitlich durch das Seeland verläuft, bot die Region perfekte Voraussetzungen, um die Einwohnerinnen und Einwohner beider Seiten des Röstigrabens an vier Standorten am Seeufer (Biel, Murten, Neuenburg und Yverdon) sowie auf einem Schiff zusammenzubringen.

Von «Too big to fail» zum Publikumsmagnet

Technische Schwierigkeiten und künstlerische Differenzen unter den Macherinnen und Machern führten wie erwähnt zu Verzögerungen im Projekt. Gravierendere Folgen jedoch hatten die ständig steigenden Kosten sowie die unrealistischen Vorstellungen darüber, welche Sponsoringbeiträge von privater Seite zu erzielen wären.

Schliesslich rettete der Bund die Landessaustellung mit etwa einer Milliarde Franken, dem Zehnfachen des ursprünglich geplanten Betrags. Ein Verzicht hätte allerdings ebenfalls hohe Kosten von etwa 300 Millionen Franken verursacht, wie das Volkswirtschaftsdepartement schätzte. Immerhin entschädigte die Expo.02 die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler mit einer gelungenen Gesamtinszenierung, welche mehr als 10 Millionen zahlende Besucherinnen und Besucher anlockte.


Zurück zur Übersicht Themendossiers

Bibliothek am Guisanplatz Informations- und Dokumentationsservices
Papiermühlestrasse 21a
CH-3003 Bern
Tel.
+41 58 464 50 95

E-Mail
Kontaktformular

Bibliothek am Guisanplatz

Informations- und Dokumentationsservices
Papiermühlestrasse 21a
CH-3003 Bern