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Der Lawinenschutz in der Schweiz

Der Umgang mit Lawinen beruht auf langjährigen Erfahrungen der Menschen im Alpenraum. Das Dossier der Bibliothek am Guisanplatz BiG wirft einen Blick auf die Geschichte der Lawinenforschung und der Massnahmen gegen die Zerstörung des «weissen Todes».

10.03.2022 | Bibliothek am Guisanplatz, Mathias Kobel

Auf dem Bild wird eine Explosion über der Schneedecke dargestellt.
Versuch mit Gaszündrohr zur Wirkung von Explosionen über der Schneedecke (Bild: Archiv SLF)

Das Wort Lawine fand wahrscheinlich erstmals Erwähnung durch die Wörter «Lavina» und «Labina» in einer Enzyklopädie des spanischen Bischofs Isidorus im 6. Jahrhundert. Im 17. Jahrhundert wurde das Naturphänomen durch die Wörter «Lavigna» sowie «Walanga» im italienischsprachigen Tessin in die Schriftsprache integriert. Der Begriff bezeichnet eine durch Tauwetter ins Rutschen geratene Schneemasse. In der Mundartsprache kennen wir die Abwandlungen «Laui» (Bern) oder «Lauwi» (Wallis). Einige Schweizer Orte und Berge wie das «Lauber»horn tragen das Phänomen im Titel.

Dass der in Bewegung geratene Schnee Mensch, Tier und Häuser zerstören kann, ist seit Jahrhunderten belegt. In einer Urkunde des Konstanzer Bischofs Heinrich von Klingenberg von 1302 wird ein durch Schnee verwüsteter Weg nach Schwyz beschrieben.

Lawinen in der Schweiz

Grössere Lawinenniedergänge sind auch für die Schweiz überliefert. 1595 stürzten bei Martigny mehrere Lawinen in die Rhone und es kam zu einem Hochwasser, bei dem 60 Menschen und 400 Tiere starben. Die Flut riss zudem über 100 Häuser mit. Im Winter des Jahres 1720 gab es in Graubünden Lawinenniedergänge mit 40 Todesopfern und zerstörten Häusern in Ftan, St. Antönien und Davos.

Der Lawinenwinter in den Jahren 1950/51 und 1999

Anhaltende Schneefälle im November 1950 und Februar 1951 führten in Graubünden, in Uri und im Wallis zu hoher Lawinengefahr. Innerhalb einer Woche fiel teilweise zwischen 10 und 15 cm Neuschnee pro Stunde. Es kam zu über 1000 Lawinenabgängen zwischen dem 19. und 22. Januar 1951 bei denen 75 Personen starben. Zusätzlich entstand ein grosser Sachschaden und rund 1140 ha Waldfläche wurden zerstört. Mehrere Zugangsstrassen waren verschüttet und einige Bergdörfer waren für Tage und Wochen von der Aussenwelt abgeschnitten. Fliegertruppen der Schweizer Armee brachten mit dem Militärflieger Ju-52 Lebensmittel, Medikamente, Holz und Petrol zu den eingesperrten Menschen. Bei einer zweiten Lawinenwelle im Tessin im Februar 1951 verloren in den Bergtälern 98 Personen ihr Leben.

Innerhalb von fünf Wochen fielen im Januar und Februar 1999 in den Französischen und den Schweizer Alpen über fünf Meter Schnee. An mehreren Tagen und für weite Regionen wurde die höchste Gefahrenstufe 5 der Europäischen Lawinengefahrenstufenskala definiert. In der Schweiz kam es zu mehr als 1000 Lawinenniedergängen. Im Walliser Dorf Evolène tötete eine Lawine am 21. Februar 1999 12 Menschen.

Im Winter 2021/22 gab es laut der Statistik des SLF für gemeldete Lawinenunfälle bereits 101 Unfälle und 12 Todesopfer.

Die Anfänge der Lawinenforschung

Ihren Anfang nahm die Schweizer Lawinenforschung 1931 mit der Gründung der Eidgenössischen Kommission für Schnee- und Lawinenforschung sowie mit der Schaffung des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos 1936. Vor allem der aufkommende Wintertourismus und die Alpenerschliessung durch den Ausbau von Bergbahnen führten zu einer grösseren Betroffenheit durch Lawinen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde mit dem systematischen Aufzeichnen der Lawinenwarnungen begonnen. 1940 richtete die Schweizer Armee in enger Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Kommission für Schnee- und Lawinenforschung einen Lawinenwarndienst mit Beobachtungsstationen an verschiedenen Orten in der Schweiz ein. Der Bundesrat schuf 1949 den Armeelawinendienst A Law Abt 1 als militärisches Pendant zum SLF. Ab Oktober 1945 übernahm das SLF die Verantwortung für die Lawinenwarnung und baute den Lawinenwarndienst weiter aus. Das erste Lawinenbulletin erschien am 21.12.1945 und informiert bis heute täglich über die Schnee- und Lawinensituation in den Schweizer Alpen und im Jura.

Entwicklung eines ganzheitlichen Lawinenschutzes

Bereits vor dem Winter 1950/51 wurden in den Alpen Steinterrassen im Anrissgebiet von Lawinen gebaut. 1950/51 wurden auch Minenwerfer für die künstliche Auslösung von Lawinen eingesetzt. Nach diesem Winter gab es grossen Antrieb, vorkehrende Schutzmassnahmen wie den Lawinenverbau und die Wiederbewaldung voranzutreiben.

Der Lawinenwinter 1999 verursachte Schadenskosten von über 600 Millionen Franken. Dank präventiven Massnahmen wie dem baulichen Lawinenschutz und situationsbezogenen Vorkehrungen wie Strassensperrungen und Evakuierungen konnten weitere Schäden verhindert werden.

Lawinenschutz heute

Das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) leistet mit seinen Studien und Datenanalysen zu den Schneeverhältnissen und mit seinen Informationsprodukten wie dem Lawinenbulletin oder der Lawinen-App White Risk einen wichtigen Beitrag zur Einschätzung der Lawinengefahr.

Die Schweizer Armee verfügt mit dem Kompetenzzentrum Gebirgsdienst der Armee in Andermatt über Gebirgsspezialisten, die eine Lawinenzentrale betreiben und sich für Such- und Rettungsaktionen bereit halten.

Die BiG verfügt über Literatur zur Geschichte der Lawinenforschung, zum Lawinenschutz sowie aktuelle Sachbücher zur Prävention und Hilfe im Lawinennotfall.


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