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Vom Hochwasser zum Hochwasserschutz

Im Juli dieses Jahres führten langanhaltende Niederschläge zu Überschwemmungen von Seen und Flüssen in Europa. Ein effizientes Frühwarnsystem verhinderte in der Schweiz Schlimmeres. Das Dossier der Bibliothek am Guisanplatz BiG gibt Einblicke in die Gefahr des Hochwassers und in die Geschichte der Hochwasserprävention.

19.10.2021 | Bibliothek am Guisanplatz, Mathias Kobel

Das Bild zeigt Locarno unter Wasser. (Bild: Martina Kauzlaric / Mobiliar Lab für Naturrisiken)
Locarno unter Wasser, 2014 (Bild: Martina Kauzlaric / Mobiliar Lab für Naturrisiken)

Der wochenlange Regen liess Flüsse und Seen diesen Sommer kritisch ansteigen. Die Aare führte teilweise über 405 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, was der Stufe zwei von insgesamt fünf verschiedenen Gefahrenstufen entspricht. Ab 230 m³/s wird die Hochwassergrenze überschritten. Die Pegel der Seen im Mittelland erreichten ihren Maximalstand und sanken nur langsam ab. Die Entlastungsstollen in Thun und in Lyss wurden aktiviert.

Dank bereits etablierten Massnahmen wie der frühzeitigen Bereitschaft lokaler Einsatzkräfte und der umfassenden Information der Bevölkerung konnten grössere Hochwasserschäden vermieden werden. Bund, Kantone und Gemeinden verfügen seit dem Hochwasser 2005 über verbesserte Konzepte im Bereich Hochwasserschutz.

Zwei ereignisreiche Hochwasser: 1868 und 2005

Innerhalb kürzester Zeit traten im September 1868 starke Niederschlagsphasen im Tessin, Graubünden und St. Gallen sowie im Oktober im Wallis, Tessin und Uri auf. Es kam zu mehreren Überschwemmungen und viele Flüsse traten über die Ufer. Das grosse Hochwasser von 1868 führte zu einem grundsätzlichen Umdenken im Umgang mit Überschwemmungen und ermöglichte erste flussbauliche Massnahmen.

Aufgrund der Erfahrungen dieser Naturkatastrophe wurde das Thema Hochwasserschutz nun in der Politik auf nationaler Ebene besprochen. Ab 1871 stellte der Bund durch einen Subventionsbeschluss jährlich 100’000 Franken für Wildbachverbauungen im gesamten Hochgebirge zur Verfügung. 1877 folgte das eidgenössische Wasserbaupolizeigesetz, das den Bau von Schutzbauten förderte und ihr Erhalt auf Bundesebene regelte.

Zu einem weiteren Schub an Massnahmen führte das Unwetter 2005. Es war das schadensreichste Hochwasser seit Beginn der Aufzeichnungen von Unwetterschäden durch Hochwasser 1972. Die Schadensumme betrug insgesamt drei Milliarden Franken.

Ein Tief über der Adria führte Mitte August zu Überschwemmungen und Erdrutschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im Berner Oberland wurden Strassen unterspült, am Bielersee flutete das Wasser viele Ortschaften und in Bern stand das Mattequartier teilweise mehrere Meter unter Wasser. Es starben insgesamt sechs Personen durch die Wasserflut.

In einer umfassenden Studie des Bundesamts für Umwelt (BAFU) und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) wurden die Ursachen und Massnahmen dieses Hochwassers analysiert.

Hochwasserschutz heute

Durch die Analyse dieser Ereignisse wurden Massnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden zum Hochwasserschutz ergriffen. Dazu zählen frühzeitige Prognose- und Warnsysteme, mobile Hochwasserschutzbarrieren wie die orangefarbigen Beaver-Schläuche oder die permanente Entfernung von Schwemmholz aus Gewässern.

Trotz grosser Erfahrung mit Hochwassern gibt es keinen vollständigen Schutz vor Schäden.

Ein umfassender Hochwasserschutz muss heute zwei Faktoren einschliessen: die besiedelten Uferzonen und der Klimawandel. Fluss- und Seeufer sind bevorzugte Siedlungsgebiete und stets durch Überschwemmungen gefährdet. Ein wärmeres Klima kann starke Niederschläge in der Schweiz begünstigen.

Langfristige Massnahmen

Gefahrenkarten dienen dazu, gefährdete Gebiete zu erkennen und richtig zu schützen. Sie sind Grundlage für die Ausscheidung von Gefahrenzonen in der Nutzungsplanung und für die Planung von Schutzmassnahmen. Die verschiedenen Gefahrenstufen werden dabei mittels farbiger Flächen gekennzeichnet. Diese Karten werden gemäss den Bundesgesetzen über den Wasserbau und den Wald von den einzelnen Kantonen erstellt.

Als weiterer Schutz vor Hochwasser gelten Rückhaltebecken und die Revitalisierung von korrigierten oder verbauten Flüssen und Bächen. In einem Rückhaltebecken können Spitzenabflüsse von Gewässern zurückgehalten werden. Die anfallende Wassermenge wird verzögert weitergeleitet und entlastet so die unterliegenden Gebiete.

Durch Revitalisierungen werden Fliessgewässer wieder natürlicher und ermöglichen ein Ökosystem für Tiere und Pflanzen. Sie leisten einen Beitrag als natürlicher Hochwasserschutz, indem sie dem Wasser mehr Platz geben. Zudem dienen die revitalisierten Fliessgewässer als Naherholungsgebiete.


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